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FÜHRER FÜR DAS MAUSSOLLEION MUSEUM

Als im Jahre 1977 die dänischen Ausgrabungen am Maussolleion beendet waren, wurde die Entscheidung getroffen, das Gebiet der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und im Jahre 1982 wurde das Maussolleion Museum unter den gemeinsamen Auspizien der türkischen und der dänischen Regierungen offiziell geöffnet. Wenn man durch den Haupteingang am Schalter Hineintritt, sieht man rechts die große rechteckige Ausschachtung im Felsen, in welcher die Fundamente des Grabmals gebettet waren, links das Museum, wo Funde von besonderem Interesse ausgestellt sind und der Besucher Erläuterungen findet. Nach Besichtigung des Museums empfiehlt es sich, dem gepflasterten Pfad rings um die Ausschachtung zu folgen, oder in die Ausschachtung zu der Grabkammer hinabzusteigen.

MODELL VOM MAUSOLLEION  

Das große Modell vor der Rückwand des Saals (Maßstab I:50) zeigt die ganze Terrasse des Maussolleion (105 x 242 m.), die von einer Mauer aus weißem Marmor umfasst war, und das Grabmonument selbst (im Glaskasten). Ein erhaltener Abschnitt der Mauer auf der Ostseite ist in einen Schacht bloßgelegt, der durch eine Gittertür südlich des Museums erreicht werden kann. Die Fundamente der Nordseite derselben Mauer, die sich längs Turgutreis Caddesi erstreckten, konnten bis zum Hospital festgestellt werden, mehr als 200 m. westlich vom Museum. Da das Grabmonument in die NO-Ecke der Terrasse eingeschoben war und nur einen kleinen Teil von dieser in Anspruch nahm, ist es eine offene Frage, welchen Zwecken das übrige Areal gedient haben mag. Vielleicht, wie auf dem Modell verdeutlicht, wurde es zur Aufstellung des Scheiterhaufens verwendet, auf dem Mausollos Leiche verbrannt wurde. Da solche Verbrennungen eine ungeheure Hitze hervorbrachten, dürften sie nicht in der Nähe von brennbaren Wohnvierteln stattfinden, auch brauchte man für die Zuschauer Platz rings um den Scheiterhaufen.

Das Modell vom Grabmonument veranschaulicht die Hauptzüge des Gebäudes, so wie sie anhand von erhaltenen Bruchstücken und einigen schriftlichen Erläuterungen des römischen Schriftstellers Plinius (gest. 79 n. Chr.) ergänzt werden können. Wie es Plinius angibt, ist das Monument oben von einer Kolonnade von 36 Säulen umkränzt, und auf dieser ruht ein Dach, das sich mittels 24 Stufen nach oben verjüngt und mit einem marmornen Viergespann mit Wagen gekrönt ist. Wenn man annimmt, daß es auf je der Längsseiten 11, und auf je der Kurzseiten 9 Säulen gab (einschließlich der Ecksäulen), war der Grundplan nicht quadratisch, sondern länglich und entsprach demnach in seinen Proportionen (Länge in Verhältnis zu Breite) den Ausmaßen der in der Felsausschachtung eingebetteten Fundamente, die man noch heute wahrnehmen kann.

Der obere Teil des Gebäudes, der also etwa wie ein Tempel anmutete, erhob sich auf einem Unterbau oder Podium. Das Monument dürfte in voller Höhe um 50 m. erreicht haben.

Literarische Quellen bezeugen auch, daß das Maussolleion im besonderen wegen seines Skulpturellen Dekors berühmt war. Die Zuverlässigkeit dieser Nachricht bezeugen die reichen Skulpturfunde der britischen Ausgrabungen im Jahre 1857, die sich jetzt im British Museum befinden. Es handelt sich um Reste von drei Relieffriesen und um Rundskulpturen unterschiedlicher Größe von Menschen und Tieren. Die größten Rundskulpturen sind die der kolossalen Wagengruppe auf dem Gipfel des Daches, von welcher eindrucksvolle Teile von Pferden und Bruchstücke von Rädern erhalten sind. Den Sockel, auf welchem diese Gruppe
aufgestellt war, bekleidete vermutlich einer der Friese, auf dem u. a. Kentauren (Pferdemenschen) dargestellt sind. Auf der untersten Stufe des Daches waren Figuren von Löwen symbolisch als Übelabwehrende Wächter des Grabes aufgestellt. Der zweite Fries mit Darstellungen von Wagenrennen (die sich mutmaßlich auf Wettbewerben der bei Bestattungen üblichen Art beziehen) scheint die Wand unter der kassettierten Decke der Kolonnade geschmückt zu haben. Der dritte Fries, mit Darstellungen von mythischen Kämpfen zwischen männlichen und weiblichen Kriegern (Amazonen), war nachweislich am oberen Rand des Unterbaues, unmittelbar unter der Kolonnade, angebracht. Von diesem Fries sind besonders viele Blöcke erhalten, s. die längs der Hinterwand in der vergitterten Halle des Museums angebrachten Gipsabgüsse von Platten im British Museum.

Einige Rundskulpturen statuarischer Haltung standen möglicherweise zwischen den Säulen der Kolonnade, aber die meisten Figuren waren auf Basen um den Unterbau des Monumentes gruppiert, wie es Platten eines profilierten Simses aus blauem Kalkstein mit Einbettungen für Skulpturen bezeugen. Auf dem Modell sind diese Gruppen Einigermassen irreführend, aber aus praktischen Gründen reliefartig ausgeführt.

Während das Äußere des Gebäudes mit Blöcken aus weißem Marmor oder blauem Kalkstein (am Fuß des Unterbaues) bedeckt war, bestand das Innere aus einem kompakten Kern von Blöcken standardisierten Formats (ca. 30 x 90 c 90 cm) aus grünlichem Lavastein. Diese vom Felsen bis zum Gipfel des Monumentes auf einander gestapelte und sorgfältig verklammerte Schichten, für die man schätzungsweise um 160.000 Blöcke verwendete, dienten auch zum Schutz der Grabkammer. Erst als sie von den Johannitern am Anfang des 16 Jahrhunderts völlig abgebaut wurden, kam die Grabkammer an den Tag.

HISTORISCHE ANMERKUNGEN

Bei der großartigen Bestattung des Maussollos nach seinem Tod im Jahre 353 v. Chr. veranstaltete man u. a. ein Wettbewerb zwischen hervorragenden griechischen Rednern, um die Verstorbenen in gebührender Weise zu würdigen. Dem Sieger, Theopompos, wurde auch die ehrenvolle Aufgabe anvertraut, zwei Jahre später die Leichenrede für die Witwe und Schwester des Maussollos, Artemisia, zu halten. Laut antiken Schriftstellern sollte diese tatkräftige Frau der Aufführung des Maussolleions vorgestanden haben. Aber es ist kaum denkbar, daß die Bauarbeiten erst nach dem Tod des Maussollos in Gang gesetzt wurden. Wahrscheinlicher waren sie schon einige Jahre vor seinem Tod in Betrieb, so daß es nur der Artemisia zukam, das Werk so schnell wie möglich zu vollführen.

Laut der lateinischen Schriftsteller Plinius und Vitruv wurde die Skulpturelle Ausschmückung des Maussolleions von griechischen Künstlern ausgeführt, von welchen in erster Reihe die berühmten Bildhauer Skopas, Bryaxis und Leochares erwähnt werden. Das Maussolleion, nach dem im Grabmal verehrten Potentaten benannt, erreichte bald einen solchen Ruhm, daß es, mit den ägyptischen Pyramiden gleichgestellt, zu den sieben Weltwundern gerechnet wurde. Seinen Namen benutzten die Römer als generelle Bezeichnung für Gräber ähnlicher Größe und Pracht.

Vom späteren Schicksal des Maussolleions ist fast nichts zu ermitteln, bis um 1495 die Johanniter den systematischen Abbau einleiteten, um mit seinen Blöcken - insbesondere denjenigen des Kerns von grünlichem Lava - die Fortifikationen des Kastells zu verstärken. Im Laufe weniger Jahrzehnte wird das Gebäude bis zum Felsen niedergerissen. Von der damaligen Auffindung der Grabkammer berichtet ein zeitgenössischer Augenzeuge, der sich in Bodrum aufhielt. Jedoch war das Monument vermutlich schon lange vor seiner endgültigen Zerstörung im Äußeren sehr arg mitgenommen. Freilich liegt Halikornassos nur in der Peripherie von bekannten Erdbebenzonen, aber auch recht schwache Erschütterungen könnten Einzelheiten des architektonischen und Skulpturellen Dekors dermaßen entstellt haben, daß das Gebäude nur als eine Ruine zu betrachten war.

Wenn, zum Beispiel, der marmorne Wagen mit seinem Viergespann von Pferden auf dem Gipfel des Daches zum Wanken gebracht worden wäre, könnten Bruchstücke der Gruppe über die Dachstufen herabgerutscht sein, zuerst einige Löwenfiguren umstürzt und danach die um den Fuß des Unterbaues aufgestellten Rundskulpturen zerschmettert haben. Gleichfalls könnten auch massige Verschiebungen in den Schichten des Baukerns Teile der äußeren Marmorverkleidung gelockert und zum Sturz gebracht haben. Tatsächlich sind einige Bruchflächen an hervorspringenden Bauteilen sehr verwittert, was zu bedeuten scheint, daß diese Steine noch viele Jahrhunderte nach dem Zeitpunkt ihrer Beschädigung sitzen blieben.

Die Epoche der modernen Erforschung des Maussolleions wurde im Jahre 1848 eingeleitet, wo es dem britischen Botschafter an der Pforte, Sir Stratford Canning, erlaubt wurde, die im Kastell St. Peter verbauten Platten des Amazonenfrieses herauszunehmen und nach England zu verschiffen. Die Position des Maussolleions wurde im Jahre 1857 von C.T. Newton festgestellt, der die Ausschachtung für das Monument und Teile der Terrasse etappenweise bloßlegte. Seine Funde ermöglichten es, einige charakteristische Besonderheiten des Gebäudes zu rekonstruieren - so stellte Newton erstmalig fest, daß es sich um ein Monument jonaschen Stils handelt - aber viele Einzelheiten im Aufbau waren noch zu ungenügend bekannt, um für die zuverlässige Ergänzung des ganzen Gebäudes eine ausreichende Grundlage darbieten zu können. Unstimmigkeiten zwischen Archäologen über die Interpretation der von Newton veröffentlichten Entdeckungen führten zu gelehrten Erörterungen und Ergänzungsversuchen sehr unterschiedlicher Art. Es wurde allmählich erkannt, daß keine befriedigende Lösung der Probleme anhand bisheriger Kenntnisse zu erreichen wäre, und daß man nur durch die Widerausgrabung der von Newton untersuchten Überreste erhoffen konnte, zusätzliche Information für die Ergänzung des Maussolleions zu gewinnen. Im Jahre 1966 wurden von einer dänischen Expedition unter der Leitung von Professor Kristian Jeppesen, Aarhus Universität, Dänemark, neue Untersuchungen in Bodrum veranstaltet, die vom Carlsberg-Fond, Kopenhagen, subventioniert waren. Im Laufe der ersten Grabungskampagnen (1966/67) gelang es, den vollen Umfang der Terrasse des Maussolleions festzustellen. In den Jahren 1970/72 wurde die Ausschachtung für das Grabgebäude nochmals bloßgelegt. Dabei kamen überraschend an den Tag nicht nur die Grabkammer und das Grabopfer von geschlachteten Tieren, sondern auch eine Anzahl von wichtigen und bisher unbekannten Architekturfragmenten, die Newton hinterlassen hatte, und mittels derer es sich jetzt als möglich erwies, wichtige Schlüsse für den Aufbau zu ermitteln auf Punkten, über die man früher nur wenig oder gar nichts gewusst hatte.

Da das Maussolleion die Raffinements der spätklassischen jonaschen Architektur mit einem verschwenderischen Reichtum an Reliefs und Rundskulpturen der feinsten Qualität verband, wurde es im Altertum überaus bewundert. Sein Einfluss ist in einer Reihe von späteren Monumenten direkt oder indirekt spürbar, wie z.B. in dem berühmten Altar zu Pergamon. Ein Grabmonument der frühhellenistischen Periode, das besonders deutlich sowohl an Größe wie auch an Form dem Muster des Maussolleions nachgebildet war, wurde in der Nähe von Ephesos (beim heutigen Dorf Belevi) errichtet. Eine Kopie diminutiven Formats, das so genannte Gümüþkesen, die zur Zeit des Augustus gebaut wurde, ist in Milas (Mylasa) erhalten. Beeindruckende Reste von anderen Gebäuden jonaschen Stils, die von Maussollos oder seinen Geschwistern aufgeführt wurden, sind im Heiligtum des Zeus Labraundeus bei Labranda unweit Milas zu sehen. Hier errichtete Maussollos auch ein Banketthaus, das er bei religiösen Festen benutzte. Während eines seiner Besuche wurde ein Attentat auf ihn gemacht, wie eine Inschrift berichtet. Zwischenfälle dieser Art mögen wiederholt stattgefunden haben, denn allem Anschein nach war sein Machtbefugnis innenpolitisch absolut, und es kann kaum bezweifelt werden (wie auch andere Quellen bezeugen), daß er eine schlaue, rücksichtslose und von vielen Untertanen gefürchtete und verhasste Person war. Die Monumentalität des Maussolleions beweist, daß seine Autorität ebenso hochgeschätzt wurde wie die von Heroen wie z.B. Herakles und Theseus, oder gar wie die von olympischen Göttern. Damit scheint er in der Tat den Herrscherkult vorweggenommen zu haben, der später von Alexander dem Großen und seinen Nachfolgern in aller Öffentlichkeit betrieben wurde.